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Ilse presente!

2007-10-05
Von der Werkbank zur Stadtguerilla
Ilse Schwipper ist tot. Die APO-Aktivistin aus dem Umfeld der "Bewegung 2. Juni" saß acht Jahre ohne rechtskräftiges Urteil in Haft. Sie engagierte sich für türkische politische Gefangene und gegen Isolationshaft
Sie gehörte zu den wenigen Arbeiterinnen unter den militanten Linken der 70er-Jahre. Ilse Schwipper wurde Anfang der 60er-Jahre als VW-Arbeiterin in Wolfsburg politisiert. Damals engagierte sie sich für bessere Lebensverhältnisse der italienischen ArbeitsmigrantInnen und schaffte es bei den Jungsozialisten zur stellvertretenden Vorsitzenden. Ihre sozialdemokratische Laufbahn endete, als sie 1970 mit 18 weiteren Jusos wegen Wahlunterstützung für die DKP ausgeschlossen wurde.
Damals hatte der politische Aufbruch der APO auch die VW-Stadt erreicht, Ilse Schwipper war eine der ProtagonistInnen. "Diese Frau hat den Geist der aufbegehrenden Studentenbewegung nach Wolfsburg getragen", schrieben unlängst die Wolfsburger Nachrichten.Schwipper zog mit ihren drei Kindern in eine linke Kommune. Die AktivistInnen demonstrierten gegen den Vietnamkrieg und Neonazis und begannen die Texte der RAF und der Bewegung 2. Juni zu lesen. Zu Letzterer fühlten sich die Wolfsburger AktivistInnen hingezogen, blieben aber eine eigenständige Gruppe.
Nach Anschlägen auf einen VW-Zug und auf eine Wolfsburger Schulaula, in der eine NPD-Versammlung stattfinden sollte, saß Ilse von 1971 bis 1973 in Vechta in Isolationshaft. Bundesweite Schlagzeilen machte die Kommune Bäckergasse, wie die Wolfsburger Gruppe nach ihrer Adresse genannt wurde, im August 1974. Die Justiz machte Schwipper und einige Mitbewohner für den Tod des Studenten Ulrich Schmücker verantwortlich, der im Grunewald erschossen aufgefunden wurde. Zuvor waren Schmückers Kontakte zum Verfassungsschutz bekannt geworden.
Schwipper blieb über acht Jahre ohne rechtskräftiges Urteil im Gefängnis weggesperrt. Ihre Verurteilung zu einer lebenslänglichen Haftstrafe im Jahre 1976 war wegen Verfahrensfehlern aufgehoben worden. Das Schmücker-Verfahren wurde 1991 eingestellt.
Bis heute ist die Rolle der Geheimdienste bei Schmückers Tod Gegenstand von Spekulationen. Mehrere Bücher sind darüber geschrieben worden. "Der Lockvogel" von Stefan Aust wurde am bekanntesten. "Oberflächlich und stark fehlerhaft", kommentierte Schwipper den Bestseller. Sie lehnte es immer ab, sich zum "Fall Schmücker" zu äußern.
Aus gesundheitlichen Gründen war Schwipper 1982 aus der Haft entlassen worden. Seitdem lebte sie in Berlin, wo sie sich in der anarcho-feministischen Gruppe Las Loccas engagierte.
In den letzten Jahren unterstützte Schwipper politische Gefangenen in der Türkei, die sich mit einem Hungerstreik gegen die Einführung der Isolationshaft wehrten. Schon in den 80er Jahren, nur wenige Jahre nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis, besuchte sich im Rahmen einer Prozessbeobachtung einen Massenprozess gegen anatolische Linke. Im November 2000 nahm sie an einem Kongress der Gefangenenhilfsorganisation Tayad in Istanbul teil. Dort hatten sich JuristInnen, MedizinerInnen, Intellektuelle und GewerkschafterInnen versammelt, um gegen die drohende Einführung der Isolationsgefängnisse nach dem Modell Stammheim in der Türkei zu mobilisieren. Ilse berichtete auf dem Kongress in einen kurzen Beitrag aus dem Publikum über ihre Erfahrungen mit der Isolation in den westdeutschen Knästen.
Kurz zuvor hatte das Todesfasten vieler politischer Gefangener begonnen, mit dem sie ihren Kampf gegen die Isolation vorantreiben wollten. Er sollte bis 2006 dauern und über 120 Tote fordern. Ilse hat diesen Kampf immer solidarisch begleitet. So nahm sie an zwei weiteren Solidaritätsdelegationen in der Türkei teil und beteiligte sich im Sommer 2005 an einem mehrtägigen Solidaritätshungerstreik von Gefangenenhilfsgruppen auf dem Berliner Alexanderplatz.
In einem Beitrag für das Buch „Bei lebendigem Leib - von Stammheim zu den F-Typ-Zellen setzte sich Schwipper mit den psychischen und physischen Folgen ihrer über sechsjährigen Isolationshaft auseinander. Noch bis vor wenigen Monaten berichtete sie auf Veranstaltungen über die linke Geschichte, die sie ein Stück mitgeprägt hat. Schwipper hat immer abgelehnt, die Interpretation linker Geschichte staatsnahen WissenschaftlerInnen wie Wolfgang Kraushaar oder publizistischen RAF-Resteverwertern wie Stefan Aust zu überlassen.
Am vergangenen Donnerstag starb Schwipper im Alter von 70 Jahren in einem Berliner Hospiz.
Ilse presente.
Peter Nowak

Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen
webmaster@political-prisoners.net