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| Brief von Jan, der anläßlich der Proteste gegen die Nato verhaftet wurde |
| 2009-04-27 | hallo rote hilfe & unterstützer_innen
hier mal ein paar zeilen von mir. ich denke ich werde euch erst ein wenig mit organisatorischen sachen "nerven" und dann etwas zum knastalltag schreibe.
D. aus karlsruhe hat mir geschrieben, dass er euch gesagt hat ich wäre im hungerstreik. erstmal muss ich das dementieren. phillip und ich hatten uns das vor der verhandlung überlegt und auch nach der urteilsverkündung so gesagt.im knast haben wir dann noch einmal darüber gesprochen und uns darauf geeinigt vorerst nicht in den hungerstreik zu gehen, da es unserer meinung nach zu wenig politischen druck gibt und wir auch kein klares ziel dieser aktion vor augen hatten. es war vielmehr eine äußerung die aus sehr viel wut, hilflosigkeit und enttäuschung entstanden ist. für uns würde es nur eine weitere psyschische und körperliche belastung bedeuten evtl. auch unsere haftbedingungen verschlechtern.
bitte kommuniziert das auch nach außen. Nicht, dass sich die leute unnötig sorgen machen. nach ca. 2 wochen habe ich endlich saubere klamotten bekommen. bei haftantritt gab es nur eine unterhose und ein paar socken. außerdem bekam ich noch eine französiche grammatik und ein wörterbuch, sowie drei romane. irgendjemand muss mir den ganzen kram vorbeigebracht haben. danke dafür!!!
jetzt fühle ich mich wieder ein stück mehr als mensch denn als "häftling". diese unterscheidung bekommt man hier ja immer wieder zu spüren. leider ist es euch nicht möglich dinge direkt in den knast zu schicken, da es verboten ist. es gibt aber eine möglichkeit über einen seelsorger. seine adresse schicke ich euch zu so bald ich sie habe. allerdings darf ich nur 8 bücher besitzen und ich habe bereits ein paar. also werde ich mich melden wenn ich einen konkreten wunsch habe. als zeitschrift würde ich gerne die rote hilfe zeitschrift bekommen, wenn das geht. auch mit dem geld ist das so eine sache. ich darf nur 200 € im monat bekommen. alles was darüber hinausgeht kommt einer art "opferausgleich" zu gute. ich weiss nicht was das für mich bedeutet, da ich ja nix gemacht habe, aber ich bin mir sicher die würden sich etwas einfallen lassen.
zumindest kann ich mir das nach den presseartikeln der letzten wochen vorstellen. das war die blanke hetzkampagne gegen uns (soweit wir das aus der strasbourger tageszeitung DNa entnehmen konnten)
ich habe allen leuten, die für uns sammeln, geschrieben, dass sie sich an euch wenden sollen um das ganze zu koordinieren. ich hoffe es geht klar wenn ich euch darum bitte das zu übernehmen.
ich habe mit allen häftlingen gesprochen und es gibt zwei personen, die dringend geld benötigen. Zum einen Nikita V., häftlingsnummer 36910, und zum anderen ich, jan t., häftlingsnummer 36889. das geld muss auf das konto der haftanstalt überwiesen werden und ihr müsstet die gebühren übernehmen.
anders geht es nicht. als überweisungsträger müsst ihr namen und haftnummer, sowie den namen der haftanstalt angeben. ich schreibe euch alle wichtigen daten für überweisungen und eine liste mit allen inhaftierten auf einen extra zettel. desweiteren hat mathias s. um rechtshilfe gebeten. er hat in einem halben monat verhandlung und noch keinen anwalt zur vorbereitungdes prozesses gesehen.(er hat inzwischen einen rechtsanwalt)
und genau hier fange ich den brief zum 3. mal an. es gibt heute neue infos! phillip, matthias und ich hatten ein gespräch mit unserem anwalt eric lefebvre, 16 quai kleiben, 67000 strasbourg tel 0388151944, fax 0388151949 er ist vom legal team und hat für uns einspruch eingelegt und ist in revision gegangen. ein genaues datum gibt es noch nicht. für mathias wird es die erste verhandlung sein und er wird danach wohl auch noch einmal widerspruch einlegen und in revision gehen. der anwalt hat auch schon kontakt zu dem anwalt welchen mir meine brüder besorgt haben.
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bitte veröffentlicht meinen vollständigen namen nicht im netz. wenn ihr ihn für einen artikel für die rote hilfe - zeitung braucht, könnt ihr ihn nehmen so lange es nicht online geht. bitte schreibt das auch immer
dazu. fürs netz reicht ja mein vorname, oder? ...aber ich denke ihr bekommt das schon hin :-)
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meldet euch doch bitte mal bei nikita, er ist gerade auf einer anderen etage untergebracht und total alleine. er ist noch recht jung und braucht dringend unterstützung und aufbauenden worte. auch ein kontakt zu mathias wäre gut und auch zu tom, obwohl die beiden einen recht stabilen eindruck machen. das problem ist auch, dass wir nikita jetzt beim freigang nicht mehr sehen und so keine informationen austauschen können. auch simon, ein französischer genosse, wurde verlegt. also gibt es auch keinen kontakt zu ihm. ich werde einen brief an nikita schreiben. das ist die einzigste möglichkeit kontakt zu halten. puh!!!... das war ja mal ne menge an infos und arbeit für euch. ich hoffe das geht auch für euch klar. auf jeden fall bin ich euch mega dankbar für all die karten, briefe und die dicke unterstützung!!!
nun mal noch kurz etwas zum knastalltag: vorgestern habe ich den leuten in osaschon ein wenig über das leben im knast geschrieben. auch eine kleine skizze meiner zelle war dabei. lasst euch das ruhig mal zukommen. also ich lebe gerade auf 8 m² allein in einer zelle. das kann sich jedoch jeden tag ändern. ich hab schon einen antrag gestellt um mit nikita auf eine zelle zu kommen, auch um ihn aus dieser relativ isolierten lage zu holen. der alltag hier drin ist recht grau er wird nur von 2 maligen rundgängen pro tag und 3 mal duschen in der woche „unterbrochen" oder besser gesagt ergänzt. post heitert natürlich immer wieder auf:-)
meinen psyschischen zustand würde ich als recht gefasst und stabil beschreiben. gesundheitlich geht es mir auch gut. die wunde von dem gummigeschoss ist recht gut verheilt. nur das essen ist scheisse!es ist nicht vegan und vegetarisch bedeutet mit fisch. stress mit mithäftlingen gibt es nicht, alles relativ easy. insgesamt sind jetzt 9 anti-nato häftlinge. wir haben mehr oder weniger regelmäßigen kontakt zueinander. besonders der tägliche hofgang eignet sich zum quatschen und tauschen. nicht alle haben geld für lebensmittel oder briefmarken und so helfen wir uns gegenseitig. es ist generell ein sehr solidarische miteinander und dafür bin ich den genossen sehr dankbar. an sich ist der kommunikationsfluss und der informationsaustausch recht zäh. du bist auf die laune und willkür der
wachen angewiesen und musst für jeden scheiss anträge stellen. gestern haben sie mathias und phillip nicht auf den hof gelassen. sie wären angeblich zu langsam gewesen. es gibt aber auch wachen die o.k. sind und auch mit uns reden oder mal eine frage beantworten. alles in allem aber eine recht bezeichnende struktur für totalitäre systeme wie einen knast. du musst auch immer damit rechnen das die zellentür aufgeht und du sofort zum arzt, anwalt oder chef musst. völlig überraschend... ein komisches gefühl an das ich mich noch gewöhnen muss. außerdem ist das klo so eingerichtet, dass sie dich beim öffnen der tür oder beim blick durch den spion sofort sehen. auch sehr unangenehm. eine weitere ablenkende sache ist die schule. in zwei wochen kann ich in die schule zum französisch-kurs. das ist sehr gut, da die sprachlichen barrieren doch recht hoch sind. ja keine ahnung was ich noch so schreiben soll. es passiert ja auch nix. es ist einfach ein beschissenes gefühl so ausgeliefert zu sein. dennoch bin ich recht zuversichtlich was die revision des prozesse angeht.ich bin hier hoffentlich bald raus. macht euch nicht all zu viele sorgen um mich und schreibt mal von zeit zu zeit mit kämpferischen und dankbaren grüssen, jan
p.s.:wenn ihr wollt könnt ihr ja verwertbare sachen veröffentlichen, aber wir schreiben noch nen gemeinsamen text zum veröffentlichen.
adresse des seelsorgers: Marc Helfer, 15 rue Durer, 67200 Strasbourg France, ADEPI
anti-nato-inhaftierte:
Philipp G. 36890 aus Berlin (Revision steht an, kein datum)
Mathias S. 36909 aus Berlin (1. Prozess am 5. mai)
Jan T. 36889 aus Dresden (Revision steht an, kein datum)
Tom Michael L. 36911 aus Rostock (U-Haft, max 12 Monate)
Nikita V. 36910 aus Warnemünde (U-Haft, max 12 Monate)
Simon L.(Fr) aus Tours (bei Paris, 1. Verhandlung 5.mai)
Adrien B.(Fr) 36892 aus Tours (bei Paris, 1. Verhandlung 5.mai)
Benoit L.(Fr) 36893 aus Tours (bei Paris, 1. Verhandlung 5.mai)
Nicolas F.(Fr) 36908 aus Strasbourg (6 Monate Haft, keine Revision)
Bitte die Vollnamen nicht veröffentlichen!!!
MA Strasbourg
6 rue Engelmann B.P. 25
67035 Strasbourg Cedex 2
France
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